In diesen Tagen vor vier Jahren erschienen bei Eden Books die ersten Bücher – und ich hab mir fast in die Hose gemacht vor Aufregung. Wir hatten nicht viel Vorlauf, genau genommen bestand das „wir“ auch nur aus sehr wenigen Personen, wir saßen in einem winzigen Büro in Kreuzberg, ernährten uns von Spinat-Gözleme und mussten auf die Schnelle ziemlich viele Leute von diesem neuen kleinen Verlag überzeugen, der nicht die dicke Kohle raushauen konnte und auch noch keinerlei Bestseller vorweisen konnte. Na gut, der noch kein einziges Buch vorweisen konnte. Wir mussten mit einer anderen Währung überzeugen: Mit einer guten Story. Und Charme. Und guter Pressearbeit. Und super Kaffee.

Und dann ging gleich eines unserer allerersten Bücher auf die SPIEGEL-Bestsellerliste: „Hinter dem Blau“ von der Berliner Journalistin und Bloggerin Alexa von Heyden, die in ihrem autobiografischen Debüt erzählt, wie sie als kleines Mädchen ihren Vater durch Selbstmord verloren hat – und vor allem, wie sie mit dieser Erfahrung erwachsen geworden ist. Viele haben uns abgeraten, das Thema zu verfolgen, es sei zu traurig und medial zu schwierig. Wir wussten: Das ist genau so eine Geschichte, wie wir sie erzählen wollen. Eine wahre Geschichte, die einen Menschen verändert hat. Eine Erfahrung, an der jemand gewachsen ist. Und vor allem: Ein Text, der so geschrieben ist, dass er andere mitnimmt und ihnen hilft, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren.

Denn dafür schlägt mein Herz: Bücher, die von Veränderungen erzählen, von freiwilligen und unfreiwilligen, und davon, wie wir Menschen es schaffen, unseren Weg zu gehen, auch wenn er ganz anders verläuft als geplant oder erhofft. Denn mich treibt immer die Frage um: Wie schaffen das die anderen? Wie gehen sie mit Rückschlägen um? Was machen sie, wenn alles Chaos ist? Und woher wissen sie, in welche Richtung es weitergeht? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit langem.

Ich war 14, als die Mauer fiel, und lebte mit meiner Mutter und meiner Schwester in Berlin Prenzlauer Berg. Mir war schon mitgeteilt worden, dass ich für das Abitur nicht geeignet bin – trotz sehr guter Zensuren und früher Neigung zum Strebertum. In der DDR zählten andere Faktoren. Durch den Mauerfall zerbröselte fast alles, was mir sicher schien: Schule am Samstag, Trabi lebenslänglich, Urlaub immer an der Ostsee. Unsere Eltern waren genauso am Schwimmen wie wir und mussten zusehen, wo sie ihre Nische finden. Zum Glück waren wir ganz gut im Improvisieren, gab ja nix.

Da hab ich mitgemacht. Aufgepasst. Zugehört. Zugesehen, dass ich die Sachen verfolge, die mir was bedeuten. Abi gemacht, Sprachen gelernt, ins Ausland gegangen, was studiert, wo alle mir einen Vogel gezeigt haben – Europäische Ethnologie? Taxifahren für Weltverbesserer? Trotzdem einen guten Job gefunden – nix gegen Taxifahrer! Geackert, gelernt, Erfolg gehabt. Kinder bekommen. Bücher gemacht. Und trotzdem immer die Frage im Kopf gehabt: Mach ich das hier richtig? Oder improvisiere ich nicht eigentlich immer noch? Und die anderen, wie machen die das eigentlich, wie schaffen die das?

Das will ich wissen. Das sind die Geschichten, die mich interessieren. Nur wenige davon eignen sich für eine Buchveröffentlichung, da muss noch sehr viel mehr passen – aber jede gute Geschichte, die erzählt wird, kann einen Unterschied machen. Und es fühlt sich immer gut an, zu wissen, dass man nicht ganz allein ist mit seinen tausend Fragen.