von Autorin Tanja Bräutigam | »5 Wochen Rabenmutter«

Beginnen möchte ich mein Plädoyer für Mütter mit dem Zitat von Jagoda Marinić, Autorin:


»Frauen sind wie die unsichtbare Armee, auf die sich Familien und der Staat verlassen. Ob in Krisenzeiten wie jetzt, oder in dem Wahnsinn, den wir Normalität nennen. Man muss die unsichtbaren Leistungen der Frauen endlich sichtbar machen.«


Ein Appell an unsere Gesellschaft während der Corona-Zeit, der so unglaublich wichtig ist. Wieder sind es wir Frauen bzw. Mütter, die in der aktuellen Pandemie die Hauptlast tragen. Bloggerin Katharina Nachtsheim von Stadt Land Mama hat es frustriert in Worte gefasst: »Warum darf mein Mann automatisch in einem Raum arbeiten, zu dem man die Tür zumachen kann, während ich hier zwischen den Kindern arbeiten muss? Ist seine Festanstellung mehr wert als meine Freiberuflichkeit? Warum verfallen wir in so blöde Muster?« Zwei Frauen, die öffentlich die Rollenverteilung in Frage stellen, weil Corona zusehends dazu führt, dass die Belastung für Mütter drastisch ansteigt und es niemanden gibt, der dies würdigt. Weder die Männer an der Seite der Frauen noch unser Staat.

Viele Mütter sind auf sich allein gestellt

Als Mutter meistern wir die Arbeit von zig Personen. Aufzuzählen sind hier Organisatorin, Taxifahrerin, Psychologin, aktuell Lehrerin, Krankenschwester, Putzfrau, Köchin, Arbeitnehmerin, Seelentrösterin – als nur wenige von vielen Aufgaben, die wir tagtäglich erfüllen. Unentgeltlich! Wo finden wir solche Bedingungen in der freien Wirtschaft?
Nirgendwo. Nicht umsonst heißt es: »Um ein Kind gut zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.« Dieser wunderbare Satz spiegelt wider, wie viel positive Energie wir benötigen, um Kinder zu erziehen und wie viele Menschen eigentlich daran beteiligt sein sollten. In unserer Gesellschaft, wo das Streben nach Individualismus und Perfektion hintendiert, weg von Miteinander und Zusammenarbeit, sind viele Mütter auf sich allein gestellt, unersetzlich, rund um die Uhr. Seien wir ehrlich. Eine Mutter braucht sich nur unter die Dusche zu stellen und schon merkt sie, wie unentbehrlich sie für die gesamte Familie ist.

Die gesellschftliche Idealvorstellung ist ein Problem

Wir Mütter sind es, die unseren Kindern Liebe und Mitgefühl schenken. Die Gesellschaft repräsentiert das Bild einer perfekten Mutter, die eine aufregende Beziehung führt, 1A erzogene Kinder hat, unglaublich attraktiv ist, nebenbei Karriere macht, ein Schöner-Wohnen-Zuhause bewohnt und selbstredend nie ihre Nerven verliert. Und auch jetzt zur Pandemie-Zeit alles zu Hause selbstverständlich organisiert. Das ist in unserer Gesellschaft das Bild einer perfekten Mutter. Es erklärt sich von selbst, dass wir diesem Bild nicht entsprechen. Das kann auch nicht das Ziel von uns Müttern sein. Aber dem standzuhalten, macht etwas mit uns. Wir schätzen uns weder in der Rolle als Mutter noch als Frau wert. Weil wir an das Ideal noch nicht Mal annähernd herankommen. Wir können nur verlieren und dabei massiv im Selbstbewusstsein sinken. Dabei würde es eigentlich vollkommen reichen, eine gute Mutter zu sein und unsere Leistungen sichtbar anzuerkennen. »Lebe lieber unperfekt« wäre sicherlich das bessere Motto. Die Fassade des Perfektseins aufbrechen und individuelle Lebensentwürfe kreieren, zulassen und wertschätzen.

Einzigartigkeit statt Perfektionismus

Es gibt nicht das eine Bild der Mutter. Jede Mutter ist einzigartig und versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste zu geben. Die verschiedenen Lebensbedingungen allein machen es unmöglich, Mütter miteinander zu vergleichen. Verheiratet versus alleinerziehend, finanziell abgesichert versus finanzielle Probleme, Eltern mit im Haus versus keine Eltern vor Ort, Schlafen dürfen versus Schlafdefizit, tolle eigene Kindheit versus problembezogene Kindheit. Die Liste ist schier unendlich fortzuführen. Wie kann bei diesen unterschiedlichen Lebensentwürfen immer wieder von der einen perfekten Mutter die Rede sein?

Muttersein ist die größte Herausforderung des Lebens

Rein physisch gesehen sind wir Mütter Lebensspenderinnen. Wir bringen mit einem unglaublichen Kraftakt lebendige Wesen zur Welt. Wir erleben hautnah ein Wunder und dürfen Liebe erfahren in ihrer reinsten Form. Früher bei den amerikanischen Ureinwohnerinnen hatten die alten Mütter durch ihr sicheres Wissen Macht, weil die Fähigkeit, Leben hervorzubringen als die Quelle aller Macht galt. Niemand dachte beim Muttersein an Arbeitstiere, die nur für andere, nicht für sich selbst da waren.
Familie und damit verbunden Mutter zu sein, ist eine der größten Herausforderungen des Lebens – gehen wir es an, indem wir uns selbst nicht darin verlieren, sondern unsere Rolle als Mutter und ebenso als Frau wertschätzen, unsere Bedürfnisse auch mal an oberster Stelle vor denen der Familie platzieren. Nicht aus Egoismus sondern aus Selbstliebe. Weil wir es wert sind! Sehen wir es als Achterbahnfahrt an, wild und aufregend, aber definitiv immer mit einem Lachen, Freude und Glücksgefühlen verbunden.

Die Welt kann von Müttern profitieren

In der Post-Corona-Zeit kann die Welt von uns Müttern profitieren. Von Umarmungen, von Berührungen, von all den Dingen, die wir Mütter instinktiv tun. Von unserer großen Flexibilität, uns immer wieder auf neue Situationen einzustellen – jetzt zu Corona wichtiger denn je. Sich im Kern wieder mehr nach den ureigenen weiblichen Instinkten wie Liebe, Solidarität, Familie, Natur, Frieden, Mitgefühl und Gerechtigkeit ausrichten – das ist es, was unsere Gesellschaft mehr denn je nach Corona braucht. Es wird Zeit anzuerkennen, was wir Mütter tagtäglich Großartiges leisten – von der Gesellschaft und noch viel mehr von uns Müttern selbst.