Vergangenen Freitag, am 30. August, las unsere Bestseller-Autorin Lena Kuhlmann in der Berliner Buchhandlung Unforgotton Books aus ihrem Debüt „Psyche? Hat doch jeder!“ vor. Das Interesse an der Autorin und ihrem Thema war so groß, dass sogar Stühle aus dem nebenanliegenden Café geliehen werden mussten, um genug Platz für die ZuhörerInnen zu schaffen. Für alle, die an der gemütlichen Leserunde nicht teilhaben konnten, aber sich für das Buch interessieren, haben wir Lena Kuhlmann ein paar Fragen zum Buch und zu psychischen Erkrankungen gestellt.

Interview mit der Autorin Lena Kuhlmann

Eden Books: Was meinst Du? Sind wir tatsächlich alle etwas »psycho«?
Lena Kuhlmann: Das ist gar nicht leicht zu beantworten, denn die Grenzen zwischen psychisch gesund und psychisch krank laufen häufig wie Wasserfarben ineinander. Da ist es auch als Expertin nicht immer einfach, das Verhalten oder Empfinden des Gegenübers einzuordnen. Ein guter Hinweis ist aber der Leidensdruck, also inwiefern der Mensch durch seine Symptome in seinem Alltag beeinträchtigt ist.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auch betonen, dass niemand von uns eine Garantie dafür hat, nicht psychisch krank zu werden. Auch ich nicht. Statistisch gesehen ist jede/r dritte Deutsche mindestens einmal in seinem Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Und wer nicht selbst erkrankt ist, der hat mit Sicherheit eine/n Betroffene/n im Familien- oder Bekanntenkreis. Deswegen ist es so wichtig, dass wir mehr über dieses Thema reden und die Versorgungsmöglichkeiten verbessert werden.

»Statistisch gesehen ist jede/r dritte Deutsche mindestens einmal in seinem Leben von einer psychischen Krankheit betroffen.« Lena Kuhlmann

Eden Books: Gibt es Erkrankungen, die wir nicht auf dem Radar haben und die deswegen weitestgehend nicht therapiert werden?
Lena Kuhlmann: Eine ganze Menge. Bei der Trichotillomanie beispielsweise reißen sich die Menschen in einem Anspannungszustand die Haare aus. Menschen, die unter Paruresis leiden, können nicht auf öffentlichen Toiletten urinieren. Und dann gibt es auch noch zahlreiche sexuelle Funktionsstörungen wie den Scheidenkrampf (Vaginismus) oder die sexuelle Inappetenz (Unlust). Darüber redet natürlich niemand gerne öffentlich.

Eden Books: Sind psychische Erkrankungen immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?
Lena Kuhlmann: Ich denke schon. Viele Menschen, die offen darüber sprechen, fühlen sich den kritischen Bemerkungen des Umfeldes ausgesetzt. Da heißt es dann, man solle »sich mal zusammenreißen« oder es wird hinten rum erzählt, dass der- oder diejenige schon lange nicht mehr »alle Tassen im Schrank hat«. Oft herrscht im sozialen Umfeld Verunsicherung, wie man mit einem psychisch kranken Menschen umgehen soll und leider werden psychische Erkrankungen immer noch mit Schwäche in Verbindung gebracht wird. Hinzu kommt, dass das Bild des komplett durchgeknallten Psychiatriepatienten von der Filmindustrie immer weiter unterfüttert wird, ebenso wie die Psychiatrie selbst immer wieder als Ort des Schreckens und die Behandler als noch kränker als ihre Patienten dargestellt werden. Dennoch freue ich mich, dass das Thema aktuell in den Medien gerade ein bisschen mehr Interesse erfährt.

»Oft herrscht im sozialen Umfeld Verunsicherung, wie man mit einem psychisch kranken Menschen umgehen soll und leider werden psychische Erkrankungen immer noch mit Schwäche in Verbindung gebracht wird.« Lena Kuhlmann

Eden Books: Kann man eine psychische Erkrankung eigentlich vollkommen heilen?
Lena Kuhlmann: Das kommt natürlich auf die Erkrankung an und auch auf die Frage, was man unter »Heilen« versteht. Ich hatte mal einen Patienten, der unter einer Angsterkrankung litt und sich erhoffte, dass durch unsere Zusammenarbeit seine Ängste komplett verschwinden würden. Dann muss man erklären, dass das natürlich nicht geht, weil Angst zum Leben dazu gehört und weil jeder Mensch Ängste verspürt. Eine Therapie kann aber dabei helfen, wieder am Alltag teilzunehmen. Wir Therapeuten sprechen daher statt von Heilung lieber von einem oder mehreren Therapiezielen. In der Regel erarbeitet man diese gemeinsam mit dem/den PatientInnen zu Beginn einer Therapie.

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Zum Buch: Psyche? Hat doch jeder!

Zur Autorin: Lena Kuhlmann