Die Isolation in den eigenen vier Wänden ist für uns alle eine neue, schwierige Situation, in der wir uns erst einmal zurecht finden müssen. Sie verursacht Ängste, Unsicherheit und Emotionen – die wir meist an unseren Nächsten auslassen. In der Selbstisolierung auf engstem Raum kommen so unsere schlechten Seiten zutage, die wir bisher vielleicht ganz gut verstecken konnten. Für Menschen mit Narzissmus ist diese Zeit besonders entlarvend, erklärt Psychiater und Psychotherapeut Dr. Pablo Hagemeyer: Ihnen fehlt die Aufmerksamkeit, der Spiegel der anderen – Corona führt ihnen ihre Schwächen und Unwichtigkeiten vor Augen.


»Das Virus entlarvt alle Narzissten und macht sie unwichtig.« Dr. Pablo Hagemeyer


Häufig mündet diese Erkenntnis in Aggressionen und die Leidtragenden sind dann die PartnerInnen und die Familie. Sie sind den ständigen Ausrastern, Gängeleien, unbegründeten kritischen Äußerungen – und im schlimmsten Fall auch körperlicher Gewalt – völlig ausgeliefert.

Pablo auf der Couch mit Ipad

Narzisst*innen Paroli bieten

»Wie sieht es hier schon wieder aus? Warum bist du so schlampig?«, »Warum kriegst du die Kinder nicht ruhig?«, »Geh mir mit deinem gehaltlosen Geschwätz nicht auf die Nerven« …

Das Eingesperrtsein mit einem narzisstischen Familienmitglied, das keine Rücksicht nimmt, kann ohnmächtig machen und sogar langfristig traumatisieren, mahnt Dr. Pablo Hagemeyer. In seinem Buch »Gestatten, ich bin ein Arschloch« erklärt der Narzissmus-Experte, wie Betroffene den Narzissten in ihrem Umfeld Paroli bieten können. Für viele sind seine Tipps in diesen Tagen elementar.

Tipps:

  • Wenn die narzisstische Ausprägung deines Narzissten oder deiner Narzisstin zuhause noch nicht sehr groß ist und es dir nichts ausmacht, deinen Partner/deine Partnerin manchmal ein wenig wie ein Kind zu behandeln: Lobe ihn/sie, mache Komplimente, sei ihm/ihr das Publikum, das er/sie gerade nicht hat.

  • Beschäftige deinen Partner mit wichtigen Aufgaben und lasse ihn so Erfolgserlebnisse ernten. Selbstverständlich muss auch hier wieder kräftig gelobt werden. Dabei ist allerdings wichtig: Das Lob darf nicht kindisch sondern muss authentisch und wertschätzend sein, sonst bewirkt es womöglich das Gegenteil.
  • Bitte deinen Partner/ deine Partnerin ganz offen und ehrlich um mehr Kooperation. Mache ihm/ihr deutlich, dass für ein reibungsloses Zusammenleben jeder einzelne zählt und wichtig ist. Hole sie/ihn ins Boot!

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Pablo Hagemeyers Podcast

Freiraum schaffen

  • Sei in dieser Zeit noch empathischer und schicke auch deine Emotionen in die Quarantäne. Manchmal ist es besser, nicht immer mit der vollen Ladung der eigenen Gefühle herauszuplatzen und den anderen damit womöglich zu überfordern.

  • Gehe aus heiklen, aufgeladenen Situationen heraus. Und lasse auch deinem Partner/deiner Partnerin den Freiraum, sich zurückzuziehen, wenn er/sie es möchte. Wenn deine Wohnung es räumlich zulässt, dürft ihr euch auch gern den ganzen Tag aus dem Weg gehen und sich erst für den Abend wieder zu einem gemeinsamen Candle-Light-Dinner verabreden.

  • Entfliehe für einige Zeit an die frische Luft. Oder noch besser: Setze deinen Partner/deine Partnerin mit Narzissmus vor die Tür.

  • Wenn du dich überhaupt nicht mehr wohl oder gar unsicher in den eigenen vier Wänden fühlst, vergiss nicht: Polizei, Frauenhäuser, Psychiatrische Kliniken und andere Anlaufstellen haben nach wie vor geöffnet und es ist auch in der momentanen Situation dein gutes Recht, Hilfe zu fordern oder anzunehmen!